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gae:medien:flugberichte:2006_05_gae099_alpen



Nostalgisch über die Alpen


Ein Flugbericht von Stephan Siebertz (GAE099)
Mai 2006





Ein etwas kurioser Auftrag erreichte mich da neulich. Ich sollte die „einzige“ AVRO 748 (so heißt die Hawker 748 alias Hawker-Siddeley heute) der Emerald Airways „Gastfliegen“. Dolle Sache dachte ich mir. So kann ich schon einmal für uns etwas Erfahrung auf dem Flieger sammeln, bevor wir diese in der GAE-Classic unterbringen.

Zudem war dieser Auftrag mit einer Reise in die schöne Schweiz nach SION verbunden. Klasse: ich bin Schweizfan. Nun denn, klingt ja alles ganz toll, aber ein „neues“ Flugzeug direkt in den steilen schweizer Alpen an testen und dann auch noch Sightseeing dabei zu bieten - da war mir dann doch etwas mulmig. Aber wir wären ja nicht die GAE, wenn auch gerade dies bei uns einen Reiz darstellt. Also auf nach SION.

Zum Glück waren keine Ferien, so dass ich ausnahmsweise ohne Stau von Köln bis SION durchfahren konnte. Im Hotel kam ich um 23:00 Uhr planmäßig an und freute mich schon auf den nächsten morgen. Nach dem Aufstehen gab es erst einmal ein deftiges Frühstück und dann auf zum Airport…

Dort angekommen wurde ich direkt von einem Piloten der Emerald direkt in Empfang genommen und es wurden die Formalitäten erledigt. Der Flug wurde als VFR gefiled. Es sollte von Sion nach Mailand (Malpensa) gehen und dies über eine sehr ungewöhnliche Flugroute : vorbei am Matterhorn ! Nun gut, dachte ich mir. Wird die 748 schon packen, den Aufstieg. Der Wetter-Check ließ das Vorhaben gut aussehen. Einzig die Alternativ-Route über Ambri mussten wir canceln. Aber trotz alter Technik und ohne GPS könnte man im Flug auch IFR (VOR-NDB-Navigation) wechseln - vorausgesetzt man macht sich diese Gedanken vorher. Also Gedanken gemacht ….



Nach dem Denken und notieren der Route und VORs ging es also los zum „Außencheck“. Es ist schon Wahnsinn wie gut der Flieger gewartet und gepflegt wurde. Da habe ich schon andere (bsp. Russeau-Airline gesehen). Diese hier war technisch einwandfrei in Schuß und so wurde der Außencheck zum technischen Geschichtsunterricht. So nun aber „rauf auf`n Bock“ und ab nach vorne links. Wir sollten an diesem Tag nicht einfach so über die Aplen fliegen, sondern der Flug sollte auch einen Zweck haben: Wir sollten eine Hand voll Bergtouristen zurück nach Mailand bringen. Aha ! Deshalb also auch Matterhorn… Shit, ich hatte Zuschauer. Was solls, entweder fliegen die danach nie wieder mit der Emerald oder sie werden mir zu Füßen liegen. Es ging los:

Der Kollege der Emerald sprach perfektes „Schwitzerdütsch“ und erledigte rasch die Abwicklung mit dem Bodenpersonal und anschließend den Funkverkehr mit Tower und Control. Ich konnte mich in aller Ruhe den Checklisten und deren Abarbeitung widmen. Diese sind zum Glück in der Hawker direkt eingebaut . Am Rande sei hier bemerkt, dass die Checklisten nicht zu 100% perfekt sind, aber das Wesentliche in diesem Flugzeug darstellen. Warscheinlich fehlt der ein oder andere Punkt, welcher aber nicht zwingend notwendig ist. Darüber hinaus sollten diese Checklisten aber auf jeden Fall ernst genommen werden !



Endlich ist es soweit. die Triebwerke werden angelassen und wir erhalten auch direkte Freigabe zum losrollen. An diesem Vormittag wird an der Fangnetz-Anlage der Runway gearbeitet und daher ist so gut wie kein weiterer Verkehr in Sion vorhanden.

Wir dürfen direkt über die Runway taxeln und tun dies auch. In der Zwischenzeit bekomme ich eine Menge über Performance-Settings der Hawker erklärt. Die 748 besitzt eine Wasser-Methanol-Einspritzung, damit sie in bestimmten Situationen mehr Leistung erzeugen kann, ohne eine zu hohe Triebwerkstemperatur zu riskieren.














Im Wendehammer richte ich die Maschine zum Start nach Westen aus. Noch vor dem Lineup bekommen wir Startfreigabe und es geht los. Nach dem Start leiten wir in geringer Höhe einen leichten Schlenker nach rechts ein und anschließend 180 Grad-Turn nach links um das Tal in Richtung Osten zu durchfliegen. Dabei überfliegen wir Sion nochmals.
















Die 748 läßt sich hier sehr gutmütig steuern. Das Fahrwerk zischt laut in die Rasten und die Flaps werden ebenfalls sehr früh eingefahren. Auch den Throttle müssen wir sehr früh zurück nehmen, damit wir in dieser Höhe nicht zu schnell werden und vor allem, damit die Triebwerke nicht überhitzen.

Man sollte regelmäßig die EGT im Auge behalten, sonst gibt es Probleme. Erst letzten Monat gab es einen Vorfall in Norwegen, bei dem sich 3 Piloten bei einem Hawker-Ausflug nach Triebwerksausfall durch Überhitzung so gerade eben noch auf einen kleinen Platz in einem Fjord nahe Bergen retten konnten.

Während wir so zwischen 3000 und 5000 Fuß durch das Tal schippern bekomme ich bereits einen sehr guten Eindruck von der Hawker. Das Wetter ist einmalig und langsam fange ich an richtig Spaß an diesem Turn zu bekommen. Aber das sollte sich bald ändern… Wenn man von Sion ostwärts fliegt kommt man an 2 weiteren Flugplätzen vorbei - Turtmann und Raron. Letzterer liegt vor der Ortschaft Visp auf Höhe einer „Heidi-Alm“ im Tal.



Bei Visp (also hinter dieser Alm) muss man zweimal rechts ab in das Tal nach Zermatt… Einmal…














Zweimal… Die Talstraße zu meiner Linken müsste ein Traum für Motorradfahrer sein :-)

Wir sind also über Visp bei einer Höhe von 4000ft abgebogen. Und genau hier vergeht mir der Spaß. Nun folgende Situation: Wir sind in ein Tal eingebogen, in dem es für die Größenordnung Hawker 748 keine Wendemöglichkeit gibt. Also müssen wir es bis hinter Zermatt bei Sichtflugbedingungen auf über 12000ft geschafft haben. Wenn man nun so Powersetting, Drehzahl, EGT, Steigrate und Geschwindigkeit, etc. gleichzeitig im Auge halten muß hat man bei dem Gedanken „Keine Wendemöglichkeit“ doppelt so viel zu tun …



Und zudem kommen auch bei einer Vorwärtsgeschwindigkeit von nur 110Kts die Berge in diesem Tal rasch näher. Eine weitere Gefahr lauert hier ganz besonders in den Fallwinden. Ich versuche alles aus der Kiste rauszuholen um den Aufstieg zu schaffen….. Stallwarnung …. Shit … Fallwind














… hinten höre ich jemanden kotzen …. Abgefangen … PUH !!
Nächster Gedanke: waren im Fluggastraum eigentlich Tüten ausgelegt ? … Enteisung, Spritheizung, alles schnell gecheckt und erneutes Steigsetting gesetzt, diesmal mit 120kts, 14000rpm und 740Grad EGT : Supi, die Hawker steigt mit über 2000ft/min und neben mir ertönt es : „Jo mei, das könnte klappen.“
Erleichterung ! Jetzt bloß nichts verpatzen.














Permanent die Enteisung und Fuel-Heaters im Blick, die EGT kontrolliert und bald müsste rechts vor uns auch das Matterhorn auftauchen.

Da isses - durch das rechte Windshield. Jetzt merke ich erst wie tief wir noch sind. Aber dennoch müsste es klappen. Hinter Zermatt können wir uns die letzten Fuß auch im Turn hochschrauben. Abwarten… Fast am Matterhorn angekommen überfliegen wir Zermatt. Die imposante Aussicht lenkt einen fast vom Fliegen ab.














Wir werden einen Rechtsturn um das Matterhorn vornehmen und im Anschluß nach Osten weiterfliegen. Hierbei Überfliegen wir noch eine Bergkuppe und im Anschluß beginnen wir unseren Sinkflug auf Malpensa.














Der Lago Maggiore und dahinter Lugano sind bereits in Sicht.

Zwei weitere Flugminuten haben wir bereits Sichtkontakt mit dem Airport. Die Throttle auf Idle - man darf diese nicht zu schnell reduzieren, da sich sonst die AC-Generatoren vom System trennen und man dann keinen Strom mehr für die Enteisung hat …. Wir müssen drastisch Höhe abbauen und werden hierzu vom Controller in einen linksturn geschickt. Es herrscht so gut wie Windstille in Mailand (es sind die berühmten 2 Knoten aus Richtung 070) und wir dürfen einen Approach aus Norden direkt einfliegen.














Da vorab die Bahn 35L noch aktiv war und gerade geswitcht wird sehen wir noch eine MD83 auf uns zukommen. Ein weiter spannender Moment auf diesem Turn, der seinen krönenden Abschluß in einem Swing-Over auf die 17L findet.





Sauge..le Landung und wie ich es schon fast befürchtet hatte Applaus von hinten (ich glaube aber einer hat da nicht geklatscht). Alles in allem, ein richtig „Crazy Arbeitsplatz“ !











Die Rücktour...





Für den Rückflug am Nachmittag lasse ich mehr die Bilder sprechen. Leider hat es sich bewölkt, so das wir von VOR zu VOR navigieren mussten. Hierbei habe ich allerdings auch den antiken Autopiloten der 748 kennen gelernt. Besonders hat mich der Zufall gefreut, dass mich am Nachmittag unseren Jörg (GAE182) ebenfalls mit einer HS748 begleitet hat.














Zwei VOR, ein Radial und ab dafür … Wolkenunterkante noch vor den Alpen…Wolkenoberkante direkt auf Gipfelhöhe…














Kurzer Blick auf Matterhorn (Südseite) und Zermatt durch`s Wolkenloch…














Anschließender Speed-Dive über VOR-DME (mit leerer Maschine ist das aber wesentlich angenehmer).














Wieder über SION angekommen gehe ich in VFR über und überschieße das Tal um in einem großzügigen Rechtsturn auf die Bahn auszurichten. Durch dieses Manöver konnte Jörg überholen und vor uns landen. Es folgt ein Traumhaft sanfter Anflug + Landung ohne Fallwind und entgegenkommende MD83`s.








































Abschließende Frage „was machen eigentlich zwei alte britische Airliner in Sion“ kann mit einem bevorstehenden Nostalgietag und Ausstellung am Airport beantwortet werden. Mein Part hier ist beendet und ich habe euch genug gelangweilt. Jedenfalls werde ich an dieser Stelle meine Heimreise antreten. Aber zu Hause angekommen werde ich sicherlich den nächsten Flug mit der HS748 planen und in Ausschau halten.



Bis bald unterwegs, Stephan

gae/medien/flugberichte/2006_05_gae099_alpen.txt · Zuletzt geändert: 10.07.2011 22:16 (UTC) von GAE099